Anfangs Herbst war Familie Wyss im Seekajak in der Kavarner Bucht unterwegs. Der Reisbericht über dieses Abenteuer kommt speziell daher, als Brief vom Vater an seine Söhne.
Liebe Jungs
Wie ihr wisst, haben eure Mutter und ich unsere Ferien-Abendteuer weit im Voraus geplant und diesen Herbst war es endlich so weit: Wir fuhren nach Kroatien ans Meer auf unsere Seekajak-Reise
Wie vor 14 Jahren, als Mami und ich diese Reise schon mal unternahmen, startete Ende September unser Abendteuer. Wisst ihr noch, wie wir nervös in Luzern am Bahnhof, voll beladen mit Gepäck, auf unseren Zug warteten und wie das Herz höherschlug, als wir in Zürich in den Schlafzug in Richtung Kroatien einstiegen? In Rijeka angekommen, haben wir dort fast den ganzen Tag verbracht und Nino konnte endlich zum ersten Mal in seinem Leben Tintenfische essen. Bleibt wohl eine einmalige Sache. Von dort reisten wir mit dem Schnellboot auf die Insel Rab, wo uns unser Kajak-Vermieter Yogi am Hafen erwartete. Ein Wiedersehen und eine herzliche Begrüssung, als ob nicht 14 Jahre, sondern nur ein paar Monate zwischen unserem letzten Treffen lägen. Yogi hat uns sogleich erklärt, bei ihm gilt „Hakuna Matata“ und der Stress vom Festland können wir hier vergessen. Am nächsten Morgen verpackten wir all unser Hab und Gut für die nächsten 7 Tage wasserdicht in zwei 2er Seekajaks und unsere Paddel-Tour in der Kavarner-Bucht startete. Mami und Benno kämpften von Anfang an mit den Wellen und dem Steuern, so dass wir schon bald mal eine Pause machten und die Steueranlage in Betrieb nahmen. Das erste Mittagessen an einem gemütlichen Restaurant direkt am Meer und für alle gab es Ćevapčići, Benno’s neue Lieblingsspeise. Mir war klar, dass es die nächsten zwei Tage keine Restaurant-Mahlzeit mehr geben wird. Von nun an folgten wenig bewohnte Teile der Insel und sogar komplett unbewohnte Inseln. Anschliessend an eine erste Badepause im klaren Meer fuhren wir um das Eck der Insel und schon früh sahen wir, da weht der Boreas, natürlich voll Gegenwind. Nino hatte schon recht, als er ein paar Tagen später meinte: „Wir fahren ja immer im Gegenwind“. Die letzten Kilometer bis zum ersten Übernachtungsplatz auf einer einsamen, kleinen Insel schaffen wir schon noch, dachte ich. Aber es wurde ein ziemlicher Kampf. Doch noch die Insel erreicht, gelang es uns nicht, einen windarmen Ort für das Zelt zu finden. Zum Glück entdeckte Benno nach zwei erfolglosen Versuchen, das Zelt aufzustellen, einen gut versteckten Ort hinter Büschen und Felsen. So gab es trotz viel Wind eine einigermassen ruhige Nacht.
Am nächsten Morgen flachte der Wind langsam ab und wir stellten uns auf eine gemütliche Tages-Tour ein. Aber weit gefehlt. Als wir um das nächste Eck der Insel Rab paddelten, erwartete uns der Boreas mit noch mehr Stärke und höheren Wellen. Diese waren so gross, dass Mami lieber auf dem Meer weiterpaddelte, als mit den Wellen in die nächste Bucht zu surfen. Mein Plan, auf der Nord-Westseite der einsamen Insel Otok Sveti Grgur zu übernachten, musste ich ebenfalls verwerfen. Denn die wäre genau in der Traverse des Boreas gelegen. So schlugen wir unsere Zelte an der Ost-Seite auf - zum Glück! Denn dieser Platz erwies sich als einer der schönsten Buchten und am nächsten Morgen erlebten wir einen wunderbaren Sonnenaufgang. Der Platz hatte aber nicht nur uns gefallen, sondern auch den wilden Ziegen und Damhirschen, welche uns in der Nacht besuchten.
Nachdem wir die Nacht nicht auf der Nord-Westseite verbringen konnten, stand das auf dem Programm für den nächsten Tag. Denn dort standen die Ruinen von Tito’s Gefangeneninsel. Bevor wir diesen Platz erreichten, sprang unweit von uns zweimal ein Thunfisch aus dem Wasser. Wow, war das ein eindrückliches Erlebnis, welches nicht allen ganz so behagte. Der darauffolgende Besuch der Ruinen behagte uns allen auch nicht so recht und die Grausamkeit der Menschheit warf insbesondere bei Benno einige Fragen auf. Also, weg von diesem Ort, aber wohin? Jetzt stand der Wechsel auf die grössere Insel Krk bevor, exakt durch den Velbit-Kanal mit dem gefürchteten Boreas. Dieser hat aber freundlicherweise an diesem Tag abgestellt und so wurde es eine ruhige Überfahrt zu unserem nächsten Zielort Baška. Der Campingplatz gefiel uns so gut, dass wir gleich zwei Nächte darauf verbrachten und ihr Jungs so genügend Zeit für Tennis-Match hattet.
Die Windwarnungen für den nächsten Tag verhiessen nichts Gutes, wollten wir doch durch den Velbit-Kanal zurück auf die Insel Rab. So begaben wir uns am Morgen ans Meer und beobachteten, was der Boreas so zu bieten hatte. In der Hoffnung, dass der Wind nachlässt, stachen wir ins Meer mit dem Zwischenziel die rettende Insel Otok Prvić. Hei, erwies sich das als ein wilder Ritt und als Mitten im Meer die eine Welle genau über unserem Boot gebrochen ist, wurde auch mir etwas unwohl. Nino, du bist fast verzweifelt, als ich im grössten Sturm auch noch fotografierte und filmte. Ich danke dir, dass du unser Boot auf Kurs gehalten hast. Schlussendlich war unser Kampf gegen Wind und Wellen erfolgreich. Als wir dann von Otok Prvić auf die nächste Insel Goli Otok querten, wurde es so windstill. Umgeben vom Meer um uns herum bewunderten wir die absolute Stille. Keinen Mucks hörten wir. Kurz darauf fing aber Benno wieder an zu plaudern und vorbei war es mit der Ruhe. Es kam sogar zu einem kleinen Wettkampf, welches Boot zuerst auf der Insel ankommt. Da wurde es dann aber höchste Zeit für den langersehnte Mittagsrast und wir gönnten uns einmal mehr Fertiggerichte, welche wir auf dem Gaskocher zubereiteten. Auch auf Goli Otok zeugten die Ruinen von den Gefängnissen zu Tito-Zeiten, welche der Insel einen unheimlichen Eindruck hinterliessen. Zum Abschluss dieser über 25 kilometerlangen Tages-Etappe querten wir nochmals das Meer zurück auf die Insel Rab, nach Lopar. Hundemüde dort angekommen, schleppten wir unser Gepäck zum Bungalow auf dem Campingplatz und schliefen bald schon tief und fest.
Wiederum genehmigten wir uns einen Tag Pause und verbrachten diesen mehrheitlich am Sandstrand. Das Meer war so untief, dass man mehr als 200 Meter rauslaufen musste, bis man Hüfttief im Wasser stand. Aber diese Untiefen habt ihr euch zu nutzen gemacht und den halben Tag lang Fische gejagt. Nur widerwillig seid ihr meiner Idee gefolgt, den Sonnenuntergang auf der Westseite von Lopar anzuschauen und dort in einem Restaurant zu essen. Um ein Haar wäre das eine dumme Idee gewesen, denn aufgrund des Saisonendes hatte nur noch ein Restaurant offen. Zum Leidwesen von Benno gab es kein Ćevapčići, dafür hervorragende Cordon Bleus und spätestens als ich einen vom Wirt spendierten Sliwowitz runterwürgen musste, wechselte die Stimmung bei euch wieder auf Hochform.
Nun standen uns bereits die letzten zwei Etappen um das Süd-Ost Ende der Insel Rab bevor. Kurz nach dem Start zeigte ich euch ein Loch im Felsen, wo man über einen 3 Meter Jump ins Wasser einer Höhle springen konnte, und danach wieder unten heraustauchen ins Meer musste. Eine Mutprobe, welche nur Benno und ich uns wagten, aber definitiv als ein Highlight in Erinnerung bleiben wird. Auf der Weiterfahrt folgten dann ein wunderschöner und einsamer Strand nach dem anderen und fast am Ende der Insel Rab richteten wir in einer dieser Buchten unsere Zelte auf. In Erwartung einer weiteren Boreas-Nacht suchten wir auf der inoffiziellen Motocross-Strecke den besten Platz. Der letzte Abend auf der Tour erwies sich nochmals atemberaubend und romantisch schön. Der erwartete Boreas kam dann nicht, dafür trafen um Mitternacht eine Horde von Männern in ihren Trucks und Motorrädern ein, welche mit einem unglaublichen Krach ihr Lager aufstellen mussten. Vorbei war es mit der Romantik und ein klares Zeichen, dass wir langsam wieder in die Zivilisation zurückkehren.
Der nächste Morgen startete nicht viel besser. Trotz minimalem Handy-Empfang erreichte mich die Nachricht, dass unser Nachtzug am nächsten Tag ausfällt. So verbrachte ich die letzte Etappe damit, unsere Rückreise neu zu organisieren, begleitet von lautem Fluchen meinerseits: Hakuna Matata! Zurück im Städtchen Rab angekommen, hat uns Yogi’s Frau abgeholt und in die Stadt gefahren, ein unglaublich toller Service. Wir fanden eine Unterkunft direkt neben dem Hafen, wo wir am nächsten Morgen früh zurück nach Rijeka fuhren. Zuerst aber genossen wir die mittelalterliche Altstadt von Rab, einen Drink bei Sonnenuntergang und ein richtiges Festmahl inklusive des versprochenen Softeises. Und so endete unsere Reise am nächsten Tag mit der Schifffahrt nach Rijeka, der Busfahrt nach Triest und dann der Zugreise über Venedig bis nach Luzern.
Meine Jungs, auf diese Reise habe ich mich seit Jahren gefreut und ich konnte es kaum erwarten, bis ihr das Alter für ein solches Abenteuer erreicht habt. Jetzt, als ich diese Zeilen schreibe, rührt es mir eine paar Tränen in die Augen, denn nun ist dieses einzigartige Erlebnis mit euch und uns als Familie vorbei. Aber was bleibt, sind wunderschöne Erinnerungen an eine fabelhafte und abenteuerreiche Zeit. Abgesehen vom Gegenwind hatten wir perfektes Wetter. Wir haben wunderschöne Orte, Buchten und unberührte Natur entdeckt. Wir genossen eine intensive und unvergessliche Zeit als Familie und erlebten so manches Abenteuer. Es war eine meiner schönsten Woche meines Lebens. Danke liebe Familie, dass ihr das mitgemacht habt!
Euer Papi, Reto
P.S. Wenn ihr auch mal eine solche Reise erleben möchtet, empfehle ich euch Yogi’s Kanuschule (https://www.seakayak.hr/). Er hat mit Sicherheit eine passende Tour für euch und auch ihm gebührt ein riesiges Dankeschön, dass mein Traum Wirklichkeit wurde.